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Mittwoch, 19. Mai 2010

Elsbeth Weichmann: Flucht und Rückkehr

KörberForumKehrwieder 12, 20457 Hamburg

„Man hat damals nur von Tag zu Tag gedacht, weil man nur ums Überleben gekämpft hat“, erinnert sich Elsbeth Weichmann in ihrem Buch „Zuflucht“ an die Zeit nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Als das Ehepaar Weichmann auf der Straße gefragt wurde „Wieso sind sie noch nicht eingesperrt?“ wurde es höchste Zeit, Deutschland zu verlassen. „Das war der Moment, wo wir den Mut zur Angst hatten“, schrieb sie. In einer Mischung aus Lesung, Tondokumenten und Zeitzeugengesprächen ließ Susanne Wittek weitere Momente aus dem Leben Elsbeth Weichmanns im KörberForum lebendig werden. Ein Leben, das durch Jahre des Exils und couragiertem Wirken in Hamburg bestimmt wurde. Studiert habe sie, „um eine Weltanschauung zu finden“, hieß es, um am Ende vielleicht sogar die Radikalere in einer politisch geprägten Ehe an der Seite des Hamburger Bürgermeisters Herbert Weichmann zu werden. Dennoch ließ sie zeitlebens ihrem Mann auf der politischen Bühne den Vortritt. „Ihre Aufgabe war Herbert“, erinnerte sich Eva Rühmkorf „und das hat sie auch gelebt.“

Vor den Nationalsozialisten flohen beide zunächst nach Frankreich, wo sie als Journalisten einreisten und arbeiteten. Nach Israel wollte der Jude Weichmann nicht, weil er sich immer als Europäer fühlte. Mit dem Ausbruch des Krieges wurden alle Deutschen in Lager gesteckt. Die Angst ging um. Wer war verdächtig, wer vertrauenswürdig? Das Ehepaar wurde getrennt und fand sich schließlich nach gefährlicher Odyssee in der südfranzösischen Hafenstadt Sète wieder. Inzwischen konnte man Europa nur noch über Lissabon verlassen. In Madrid wurde Elsbeth der Pass gestohlen, doch ein amerikanischer Konsul stellte Visa für die USA aus und ein Kohlefrachter brachte beide in die Staaten. Sie lebten in New York und feilten an einer neuen Existenz. „Beide konnten sich rasch in neue Umgebungen integrieren“, meinte der ehemalige Senatssprecher Paul-Otto Vogel. Er kannte die Weichmanns gut, wurde sogar als Zeichen der Wertschätzung viele Jahre später in die Allgäuer Hütte des Ehepaars eingeladen, wo die wohltuende Distanz zu den Staatsaufgaben gesucht wurde.
Nach Kriegsende waren beide nach Deutschland zurückgekehrt. Bürgermeister Max Brauer hatte Weichmann gerufen und ihn gebeten, ihm beim Aufbau der Hansestadt Hamburg zu helfen. Vogel erinnerte sich: „Es brauchte eine Weile, bis Herbert akzeptierte, dass er sein altes Vaterland nicht mehr hatte.“ Doch da war noch Elsbeth. „Sie hatte sich keine Illusionen gemacht“, meinte Vogel. „Sie war die treibende Kraft, hat politisch nachdrücklich gewirkt, sich aber immer zurückgenommen. Es gab für sie keinen Zweifel: Herbert war der Boss.“ Und der ging seinen Weg, wurde am Ende einer der beliebtesten Bürgermeister Hamburgs.

Doch auch Elsbeth Weichmann hatte gesellschaftspolitische Visionen. Sie zweifelte ebenfalls nicht daran, dass es notwendig sei, sich im Wirtschaftswunderland für die ökonomische und politische Gleichsetzung der Frau einzusetzen, so erinnerte sich Eva Rühmkorf. Früh habe die Frau des Bürgermeisters formuliert, man müsse mal „über Quoten nachdenken“. Auch wenn sie mit derartigen Forderungen der Zeit weit voraus war, dachte Elsbeth Weichmann praktisch und konkret, wenngleich für viele damit zunächst ungewöhnlich. Ihre Idee: Frauen sollten bei ihrer Hausarbeit entlastet werden, damit sie in den Zeiten des Wirtschaftwunders nicht untergehen und verstärkt berufliche Aufgaben wahrnehmen konnten. Vor diesem Hintergrund kam es zur Gründung der ersten Verbraucherzentrale Deutschlands, zunächst zu dem Zweck, Frauen in der Handhabung von Haushaltsgeräten zu unterweisen.

In der neuen Bundesrepublik habe Herbert Weichmann die Tatsache, dass sich neue nationalsozialistische Bewegungen formierten, stets verdrängt, betonte Vogel. „Damit wäre er nicht fertig geworden.“ Nicht so Elsbeth Weichmann. „Sie hat gesagt, was Sache ist.“ Und sie sagt es als Aufruf zur Zivilcourage in dem Vermächtnis ihrer Stiftung bis heute: „Ziel der Stiftung ist es, das Wirken der demokratischen Opposition im Exil gegen die totalitäre Herrschaft Hitlers sowie die Folgen dieses Wirkens für Deutschland nach dem Kriege in Erinnerung zu rufen und diese Erinnerung für künftige Generationen zu bewahren.“

Konzept und Umsetzung Susanne Wittek,
Agentur Initiative Literatur.

Der Film „Herbert Weichmann. Porträt eines sozialen Demokraten“, für den Elsbeth Weichmann mit Rüdiger Proske an die Stationen ihres Exils mit Herbert W. zurück gekehrt ist, wurde am Donnerstag, 20. Mai 2010, um 17.00 Uhr im Metropolis Kino in Hamburg gezeigt.

Mitschnitt der Veranstaltung:

 
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