Preisträger 2026
Max Beck ist für seine Dissertation „Philosophieren im Exil. Logischer Empirismus und Kritische Theorie 1933-1945“ mit dem Claus-Dieter Krohn Preis für Exilforschung 2026 ausgezeichnet worden. Der wissenschaftliche Beirat der Herbert und Elsbeth Weichmann-Stiftung würdigte seine Arbeit als eine innovative, sehr gut lesbare Neuperspektivierung des Wissenschaftsexils, die die Philosophie erstmals systematisch in den Blick der Exilforschung rückt.
Wir haben Max Beck zu seiner Motivation, den Herausforderungen und seinen Plänen für zukünftige Projekte befragt.
Interview mit Max Beck
Was sind die Beweggründe für Ihr Interesse an der Exilforschung?
Max Beck: Zur Exilforschung bin ich 2015 über einen Umweg gekommen. Ich beschäftigte mich damals intensiv mit der Philosophie von Günther Anders (1902–1992). Sein Nachlass, der im Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien lagert, beinhaltet zahlreiche, bis heute unveröffentlichte Texte aus seiner Exilzeit. Für meine Masterarbeit beschloss ich, mich intensiv mit dem Typoskript „Gelegenheitsphilosophie“ zu befassen, das maßgeblich in den USA entstand und bislang kaum Aufmerksamkeit erregt hatte. Darin entwickelt Anders seine eigene philosophische Methode in Auseinandersetzung mit der Exilerfahrung. Im Rahmen mehrerer Forschungsreisen in die USA habe ich noch weitere Archive besucht, um den Kontext der Schrift zu entschlüsseln. Die Überlegungen dazu mündeten schließlich in der Monographie „Günther Anders’ Gelegenheitsphilosophie. Exilerfahrung – Begriff – Form“ (2017).
Die Beschäftigung mit der Exilforschung im Kontext meiner Studien zu Anders hat mir deutlich gemacht, dass die Philosophie in der interdisziplinären Exilforschung bislang nur randständig behandelt wurde – Philosophinnen und Philosophen hatten sich kaum an ihr beteiligt. Historisch betrachtet war die Exilforschung vor allem eine Sache der Literaturwissenschaft, Geschichte und Kulturwissenschaft. Höchste Zeit also, dass sich auch die Philosophie mehr auf diesem Feld engagiert.
2018 habe ich dann gemeinsam mit meinem Kollegen Nicholas Coomann einen Sammelband zur Philosophie deutschsprachiger Philosophinnen und Philosophen im US-amerikanischen Exil herausgegeben, der erstmals unterschiedliche Strömungen und einzelne Persönlichkeiten im Hinblick auf ihre Exilerfahrungen und die jeweilige Rolle dieser Erfahrungen für die philosophische Theoriebildung nebeneinanderstellt. Erschienen ist der Band unter dem Titel „Historische Erfahrung und begriffliche Transformation. Deutschsprachige Philosophie im Exil in den USA 1933–1945″.
Wie sind Sie auf das Thema Ihrer Dissertation gekommen?
Max Beck: Das Thema ist organisch aus meinen vorherigen Forschungen zum philosophischen Exil entstanden. Die Dissertation bot mir die Möglichkeit, spezifisch philosophische Fragen rund um das Exil anhand zweier prominenter Strömungen weiter zu vertiefen. Ziel der Dissertation ist es, die Rolle der Exilerfahrung für den Logischen Empirismus (Wiener Kreis, Berliner Gruppe) und die Kritische Theorie herauszuarbeiten. Die Studie ist kontrastiv angelegt: Beide Strömungen verfügten über konträre philosophische Grundannahmen, die zu gänzlich unterschiedlichen Wirkungen der Exilerfahrung führten. Protagonisten beider Strömungen waren jedoch auch miteinander bekannt und im Austausch. Damit ließ sich die spannende Geschichte erzählen, wie sich zwei einflussreiche philosophische Strömungen des 20. Jahrhunderts vor dem Hintergrund der Exilerfahrung transformierten und wie dies das Verhältnis untereinander beeinflusste.
Die philosophische Exilforschung steht vor der Herausforderung, dass es nicht einfach nur um die historische Betrachtung von Philosophinnen und Philosophen im Exil geht. Vielmehr schließen sich spezifisch philosophische Fragen an: Wie ist überhaupt das Verhältnis von Theorie und Erfahrung zu bestimmen? Welche Rolle spielt das Thema Sprache bei der philosophischen Theoriebildung? Und für philosophische Strömungen mit dezidiert gesellschaftskritischem Anspruch: Wie lässt sich der Faschismus erklären? Droht dieser auch in den vermeintlich sicheren Exilländern?
Was waren die größten Herausforderungen, denen Sie sich im Rahmen Ihrer Dissertation gegenübersahen?
Max Beck: Das Hauptproblem war die schiere Materialfülle, die es zu sichten galt. Trotz der Beschränkung auf zentrale Vertreter beider Strömungen, d.h. Hans Reichenbach, Otto Neurath und Rudolf Carnap für den Logischen Empirismus, Theodor W. Adorno und Max Horkheimer für die Kritische Theorie, war die Materialgrundlage kaum zu überblicken. Schließlich galt es, nicht nur die durchaus beeindruckende Anzahl an veröffentlichten Schriften, Briefen, Tagebüchern, Aphorismen etc. der Protagonisten zu sichten, sondern vor allem auch umfangreiche Nachlässe. Ein Großteil der Arbeitszeit an der Dissertation verbrachte ich dann auch in Archiven, u.a. in den USA, Österreich und Deutschland. Ein administratives Problem, das die Arbeiten in Deutschland wie Österreich erschwerte, waren die strengen Archivregeln, etwa im Hinblick auf die limitierte Bereitstellung von Archivboxen, die ein effizientes Sichten größerer Textmengen erschwerte. Die eher lockeren Regeln in den USA waren im Vergleich dazu ein Segen. Während meiner Dissertationsphase ging zudem das „Virtual Archive of Logical Empiricism“ (VALEP) an der Universität Wien online, das mir die Forschungen rund um den Logischen Empirismus wesentlich erleichterte.
Das inhaltliche Hauptproblem bestand darin, das Thema des philosophischen Exils dezidiert philosophisch zu profilieren – und das Thema eben nicht so zu behandeln, als wäre es ein beliebiges Exil, bei dem es zufällig gerade um Philosophinnen und Philosophen statt um eine andere Personengruppe geht. Ich hoffe, dass es mir mit meiner Arbeit gelungen ist zu zeigen, welche neuen Horizonte es von dieser Perspektive auf die Exilthematik zu entdecken gibt, etwa welche dezidiert philosophische Rolle das Exil für ganz unterschiedliche Strömungen spielte, insbesondere im Hinblick auf die Sprachproblematik.
Was sind Ihre Pläne für zukünftige Publikationen oder Projekte?
Max Beck: Parallel zur Doktorarbeit habe ich 2022 mit zwei Kollegen, Nicholas Coomann und Roman Yos, die „Digitale Datenbank Exilphilosophie 1933–1945“ begründet. Diese hat zum Ziel, erstmals vollständig das philosophische Exil zur Zeit von Nationalsozialismus und Austrofaschismus zu erfassen und erforschbar zu machen – gerade auch jenseits der bekannten „großen Namen“. Mit Mitteln der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur und des Zukunftsfonds der Republik Österreich konnten wir in der Projektphase 1 die technische Basis einrichten und eine Designerin beauftragen. 2025 haben wir am Lehrstuhl von Christoph Demmerling an der Friedrich-Schiller-Universität Jena die Bewilligung für eine Sachbeihilfe der Deutschen Forschungsgemeinschaft erhalten – die dreijährige Projektphase 2 startet im Februar 2026.
Und dann erscheint noch im September 2026, pünktlich zur Frankfurter Buchmesse, meine Dissertation als Buch im Schwabe Verlag.
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Dr. Max Beck, geboren 1988, studierte Philosophie in Marburg und Wien. Er promovierte 2025 in Jena mit einer Arbeit über die Rolle der Exilerfahrung 1933–1945 für den Logischen Empirismus und die Kritische Theorie. Aktuell ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter im DFG-Projekt „Digitale Datenbank Exilphilosophie 1933–1945“ am Institut für Philosophie der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Von 2021 bis 2024 war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter im DFG-Projekt „Nachmetaphysisches Philosophieren“, ebenfalls in Jena. 2025 leitete er eine HERMES-Studie für die Deutsche Nationalbibliothek. Thematische Schwerpunkte: Philosophie der Künstlichen Intelligenz, Digital Humanities, Philosophiegeschichte des 20. Jahrhunderts und ihre Methoden, Wissenschaftsphilosophie, Exilforschung. Mehr Informationen
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Copyright: Marie Haefner
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