2025: Rhena Stürmer und Christian Zech
2024: Helene Roth
2022: Simone Nowicki
Preisträger 2025: Interviews mit Rhena Stürmer und Christian Zech
Rhena Stürmer und Christian Zech sind für ihre Dissertationen mit dem Claus-Dieter Krohn Preis für Exilforschung 2025 ausgezeichnet worden. Aufgrund der hohen Qualität der beiden Beiträge entschied sich die Jury dazu, den Preis zu teilen. Beide Arbeiten befassen sich mit historischen (Kollektiv-)Biografien linker Akteurinnen und Akteure während der NS- bzw. Exilzeit: Die Forschungsarbeit von Rhena Stürmer trägt den Titel „Weimarer Linkskommunisten zwischen Partei und Bewegung. Eine kulturgeschichtliche Kollektivbiographien“, die von Christian Zech „Siegfried Aufhäuser (1884-1969). Politisch-gewerkschaftliche Biografie eines jüdischen Sozialisten“.
Rhena Stürmer
Was sind die Beweggründe für Ihr Interesse an der Exilforschung?
Rhena Stürmer: Zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung im 20. Jahrhundert zu forschen, bedeutet fast zwangsläufig, sich mit der Geschichte des Exils zu befassen. Aufgrund der Verfolgung durch den Nationalsozialismus wurden zahlreiche Menschen in den 1930er Jahren ins Ausland gezwungen – so auch zwei derjenigen Personen, mit denen ich mich befasst habe.
In meiner Dissertation habe ich mich kollektivbiografisch den Lebenswegen von Karl Schröder (1884-1950), Alexander Schwab (1887-1943), Bernhard Reichenbach (1888-1975) und Adam Scharrer (1889-1948) angenähert. Diese vier, in den 1880er Jahren des deutschen Kaiserreichs geborenen Männer, begannen sich bereits vor dem Ersten Weltkrieg politisch zu engagieren. In der Weimarer Republik schließlich gehörten sie zu einer Gruppe dissidenter Kommunisten, die sich 1920 in der Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands (KAPD) zusammenfanden. Sie befürworteten ein rätedemokratisches Modell, und entwickelten ihr politisches Programm in kritischer Abgrenzung zum sowjetischen System. Mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus entstand für sie eine unmittelbare Bedrohungssituation. Zwei der von mir untersuchten Personen, Bernhard Reichenbach und Adam Scharrer, flohen schließlich aus Deutschland. Während Reichenbach in Großbritannien Zuflucht fand und sich dort in den Kreisen der exilierten SPD bewegte, gelangte Scharrer in die Sowjetunion. Dort befand er sich – als dezidierter Kritiker des sowjetischen Systems – in großer Gefahr. Der Frage, wie er sich in dieser Zwangssituation verhielt, bin ich in meiner Dissertation nachgegangen.
Wie sind Sie auf das Thema Ihrer Dissertation gekommen?
Rhena Stürmer: Die neueren Forschungen zum historischen Kommunismus haben deutlich gemacht, wie plural diese politische Bewegung im 20. Jahrhundert gewesen ist. Schaut man nach Deutschland, zeigt sich für ihre Blütezeit zwischen den beiden Weltkriegen eine erstaunliche Vielfalt an politischen Gruppierungen und Organisationen, die jeweils spezifische Vorstellungen von ihrer politischen Programmatik hatten. Schon während des Studiums habe ich mich mit den deutsch-russischen Beziehungen und gegenseitigen Wahrnehmungen im historischen Verlauf beschäftigt. In meiner Masterarbeit ging es z.B. um Berichte über Reisen in die Sowjetunion der frühen 1930er Jahre. Hinzu kam mein Interesse an der Geschichte der Arbeiterbewegung, und ich begann zu recherchieren, welche Formen der kritischen Auseinandersetzung mit der Sowjetunion es innerhalb der deutschen Linken gab. Dabei stieß ich auf die KAPD, die bereits sehr zeitig vor autoritären und staatskapitalistischen Tendenzen in der Sowjetunion warnte.
Wer waren die Menschen, die sich in dieser Partei zusammenfanden und eine eigene, von der sowjetischen Version abweichende Vorstellung vom Kommunismus entwickelten? Und wie gestalteten sich ihre Lebenswege auch über die Weimarer Republik hinaus? Diese Fragen begannen mich zu interessieren, und so untersuchte ich schließlich die biografische Entwicklung der KAPD‘ler Karl Schröder, Alexander Schwab, Bernhard Reichenbach und Adam Scharrer.
Was waren die größten Herausforderungen, denen Sie sich im Rahmen Ihrer Dissertation gegenübersahen?
Rhena Stürmer: Grundsätzlich empfand ich die Anfangsphase der Dissertation als Herausforderung. Nach dem Studium eine derart große Forschungsarbeit zu überblicken und anzugehen, war nicht leicht: Wie sollte ich ein so komplexes Thema erforschen und in einen lesbaren Text bringen? Wie sollte ich abwägen zwischen der Fülle der biografischen Daten und meiner spezifischen Fragestellung nach den subjektiven Sinngebungsprozessen und politischen Artikulationsformen? Bis zum Schluss habe ich mit diesen Problemen gerungen.
Hinzu kam die Frage nach der Finanzierung. Glücklicherweise erhielt ich, auch aufgrund meines gesellschaftspolitischen Engagements, ein Stipendium der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
Als besonders problematisch erwies sich die Zeit der COVID-19-Pandemie. Archiv- und Bibliotheksschließungen haben mir die Forschung ungemein erschwert, es gab immer wieder Verzögerungen, und ich musste meinen Arbeitsplan ständig neu strukturieren. Besonders schade war, dass ich viele meiner geplanten Archivbesuche im Ausland nicht durchführen konnte. Dankenswerterweise stellten mir einige Archive ihre Materialien als digitale Reproduktionen zur Verfügung. Aber nicht in die USA oder nach Moskau reisen und selbstständig in den Archiven recherchieren zu können, war schon schade.
Was sind Ihre Pläne für zukünftige Publikationen oder Projekte?
Rhena Stürmer: Aktuell überarbeite ich das Dissertationsmanuskript für die Publikation, die 2025 im Wallstein Verlag erscheinen soll. Dann ergaben sich während meiner Forschungen in den letzten Jahren einige Themen, die ich nun in Aufsätzen vertiefe – etwa zur internationalen Dimension des Linkskommunismus, oder auch zu weiteren Akteuren wie Franz Peter Utzelmann (1896–1972), der nach 1945 als Linkskommunist in Deutschland auf ganz besondere Weise mit dem Ost-West-Konflikt konfrontiert war, und Helmut R. Wagner (1904-1989), der Deutschland 1934 verlassen musste und im US-amerikanischen Exil zu einem führenden Vertreter der phänomenologischen Soziologie wurde.
Seit Sommer 2024 habe ich an der Universität Leipzig bei Prof. Dirk van Laak eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Postdoc inne – ich werde also in der Wissenschaft bleiben. Mein Habilitationsprojekt wird sich mit der Rolle von Expertinnen und Experten im 20. Jahrhundert befassen. Während der Pandemie wurde die komplexe Beziehung zwischen Wissenschaft und Politik augenfällig, und mich interessiert nun die historische Dimension des Verhältnisses von Gesellschaft und Expertise.
Christian Zech
Was sind die Beweggründe für Ihr Interesse an der Exilforschung?
Christian Zech: Während meines Geschichtsstudiums und darüber hinaus habe ich mich eingehend mit der Weimarer Republik, dem Nationalsozialismus und auch der deutsch-jüdischen Geschichte beschäftigt. Bezeichnenderweise spielte das Thema Exil dabei zunächst keine Rolle. Erst im Laufe der Zeit wurde ich dafür sensibilisiert, wie eindrücklich Erkenntnisse aus dem Arbeitsbereich der Exilforschung verdeutlichen, welche Verluste mit der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Verdrängungspolitik einhergingen. Vor allem der Blick auf individuelle Schicksale macht zudem deutlich, was der lebensweltliche Bruch, den Flucht und Exil beinhalten, für die Betroffenen bedeutete. In diesem Sinne ergeben sich Parallelen auch zu gegenwärtigen Erfahrungen von Flucht und Migration.
Hinzu kommt, dass die Exilforschung interdisziplinär und transnational angelegt ist und sich dadurch multiple Perspektiven auf historische Entwicklungen ergeben, die anderen Ansätzen verwehrt bleiben.
Wie sind Sie auf das Thema Ihrer Dissertation gekommen?
Christian Zech: Im Rahmen meiner Masterarbeit habe ich mich ausführlich mit der deutsch-jüdischen Zeitung „Aufbau“ auseinandergesetzt. Hier wurde ich zum ersten Mal auf Siegfried Aufhäuser aufmerksam, der dort als Redakteur und „Assistant Editor“ arbeitete. Als ich nach dem Studium Überlegungen anstellte, zu promovieren, stand zunächst ein anderes Thema im Fokus: Ich beschäftigte mich intensiv mit Medien und Öffentlichkeit(en) im Exil. Im Zuge weiterer Recherchen stieß ich jedoch immer wieder auf Siegfried Aufhäuser. Durch sein beeindruckendes politisches und gewerkschaftliches Engagement und seine exponierte Stellung in den vielfältigen Auseinandersetzungen innerhalb des Exils rückte seine Biografie sukzessive ins Zentrum meiner Aufmerksamkeit.
Was waren die größten Herausforderungen, denen Sie sich im Rahmen Ihrer Dissertation gegenübersahen?
Christian Zech: Die Rekonstruktion einer Biografie nach wissenschaftlichen Qualitätskriterien birgt viele Fallstricke. Die mehrjährige Beschäftigung mit einer einzelnen Person kann dazu verleiten, lebensweltliche Brüche und Widersprüche zugunsten einer narrativen Konsistenz auszublenden und eine Stringenz von Handlungen und Ereignissen zu beschreiben, in der die Offenheit des historischen Moments nicht angemessen berücksichtigt wird. Gerade von Ego-Dokumenten und tradierten Erzählungen geht häufig der Reiz aus, nachträgliche Deutungen unkritisch zu übernehmen. Hinzu kommt, dass die eigene Perspektivität und persönlichen Erfahrungen wiederum in Versuchung führen, Geschehnisse in einer bestimmten Weise einzuordnen und zu deuten. Schwierig war es, hier stets offen zu bleiben, den eigenen Forschungsstandort regelmäßig zu reflektieren, gegebenenfalls zu benennen und offen für widersprüchliche Quellenlagen und andere Interpretationen zu bleiben.
Abgesehen von methodisch-inhaltlichen Herausforderungen birgt die Promotion auch ganz andere Hürden: Mit dem Beginn der Dissertation hörte ich zum ersten Mal von den drei „typischen Krisen“ der Promotionszeit: Material-, Relevanz- und Abschlusskrise. Damit lassen sich die größten Herausforderungen, denen ich in dieser Zeit gegenüberstand, bündig zusammenfassen. Besonders die Abschlussphase erlebte ich als herausfordernd: Zunächst schien die Berufsperspektive unklar. Als sich unvermittelt die Chance auftat, eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter anzutreten, blieb kaum noch Zeit für die Fertigstellung der Dissertation. Insofern freue ich mich nun umso mehr, dass die Arbeit nun bald erscheinen wird.
Was sind Ihre Pläne für zukünftige Publikationen oder Projekte?
Christian Zech: Zunächst möchte ich natürlich die Dissertation veröffentlichen. Die Arbeit soll möglichst noch im Frühjahr 2025 beim Wallstein Verlag als Buch erscheinen und wird dann auch als Open-Access-Veröffentlichung online zugänglich sein. Die Erfahrungen, die ich während meiner Promotion gesammelt habe, kommen mir bei meiner aktuellen Tätigkeit zugute: Ich arbeite mit mehreren Historikerinnen und Historikern zusammen in einem kleinen Team. Wir haben eine Genossenschaft gegründet und arbeiten an mehreren größeren Projekten, die sich unter anderem mit der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit verschiedener Hamburger Persönlichkeiten und Firmen beschäftigen. Dazu stehen in den nächsten Monaten ebenfalls Veröffentlichungen an. Die Ergebnisse werden wir teils auch in Ausstellungen präsentieren.
Preisträgerin 2024: Interview mit Helene Roth
Helene Roth ist mit dem Claus-Dieter Krohn Preis für Exilforschung 2024 für ihre Dissertation mit dem Titel „Urban Eyes. Deutschsprachige Fotograf*innen im New Yorker Exil in den 1930er- und 1940er-Jahren“ ausgezeichnet worden. Der wissenschaftliche Beirat der Herbert und Elsbeth Weichmann-Stiftung würdigte ihre Arbeit als besonders bemerkenswert aufgrund des interdisziplinären und multiperspektivischen Ansatzes, der umfassenden Archivarbeit sowie der pointierten Ergebnisse, die wiederum neue Forschungsperspektiven eröffnen.
Was sind die Beweggründe für Ihr Interesse an der Exilforschung?
Helene Roth: Ich habe an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München meinen Bachelor und Master in Kunstgeschichte absolviert und mich schon relativ früh auf Fotografie und ab dem Master auch auf Exilforschung spezialisiert. Dank innovativer Seminare konnte ich diese beiden Forschungsgebiete weiter vertiefen. Statt einer rein biografischen Aufarbeitung wurde in den Seminaren der Fokus auf den Kulturtransfer, die Fortführung, wie auch Neuausrichtung von künstlerischen Praktiken und Netzwerken in der Emigration gelegt – Themen, die mich auch persönlich am meisten interessieren.
In meinen Augen ist die Exilforschung eine sehr interdisziplinäre und alltagsbezogene Forschung. Das fängt zum Beispiel schon vor und während der Passage vom Heimatland in die Emigration an oder bei dem ersten Blick in die neue Stadt. Obwohl ich mich bisher meist mit historischen Themen befasst habe, finden sich immer wieder auch Parallelen zu aktuellen Formen der Migration. Die Exilforschung zeigt uns deutlich, wie wichtig der Blick zurück auf Vergangenes ist.
Es gibt natürlich auch Herausforderungen in der Exilforschung, die mich jedoch persönlich als Forscherin besonders reizen. Denn die Karrieren wie beispielsweise von Fotografinnen und Fotografen verliefen oftmals nicht kontinuierlich. Daher muss auch mit Leerstellen, Brüchen und Sackgassen umgegangen und das Untersuchungsmaterial über Umwege kreativ analysiert werden.
Wie sind Sie auf das Thema Ihrer Dissertation gekommen?
Helene Roth: Ich habe bereits meine Masterarbeit über eine Fotoserie des nach New York emigrierten Fotografen Hermann Landshoff geschrieben und sofort für das Thema gebrannt. Das vom Europäischen Forschungsrat geförderte Projekt „Relocating Modernism: Global Metropolises, Modern Art and Exile“ hat mir dann die Möglichkeit geboten, mich intensiver mit der US-amerikanischen Metropole und der Emigration von Fotografinnen und Fotografen in den 1930er- und 1940er-Jahren auseinanderzusetzen.
Neben einem interdisziplinären Ansatz war mir besonders wichtig, emigrierte Fotografinnen und Fotografen als aktiv Handelnde zu verstehen, die mit vielfältigen Praktiken in der Stadt agierten. Ich habe dafür in New York sehr intensiv Feldforschung betrieben, Aufnahmeorte und auch die einstigen Wohn- und Arbeitsadressen aufgesucht, um die Prozesse der Emigration und das Leben wie auch Fotografieren im Exil besser nachvollziehen zu können.
Was waren die größten Herausforderungen, denen Sie sich im Rahmen Ihrer Dissertation gegenübersahen?
Helene Roth: Die größte Herausforderung war es, die Fülle an angesammeltem Material und recherchierten Informationen sinnvoll zu strukturieren, auszuwerten und zu verschriftlichen. Da ich keine monografische Arbeit schreiben wollte, habe ich über mehrere Jahre sehr viele Archive aufgesucht und mir ein großes Konvolut erarbeitet, das im Nachhinein verwaltet und analysiert werden musste. Zudem musste ich lernen, mich während der Promotionsphase nicht selbst zu vergessen und Auszeiten zu nehmen. Für mich war es sehr wichtig, mir am Tag und in der Woche realistische Ziele zu setzen und diese dann ganz „old-school“ auf meiner To-Do-Liste abzuhaken. So bin ich über mehrere Jahre sehr gut mit der Belastung zurechtgekommen und hatte etappenweise immer kleine Erfolgserlebnisse.
Was sind Ihre Pläne für zukünftige Publikationen oder Projekte?
Helene Roth: Zunächst werde ich 2024 im Wallstein Verlag meine Dissertation veröffentlichen und parallel an einer englischsprachigen Ausgabe mit Leuven University Press arbeiten. Auch habe ich vor, zu einzelnen Themen aus meiner Doktorarbeit vertiefende Aufsätze zu publizieren. Außerdem habe ich bei den Feldforschungen in New York mit meiner analogen Kamera von der Straße aus die Wohnadressen der emigrierten Fotografinnen und Fotografen aufgenommen – hierzu würde ich sehr gerne ein künstlerisches Projekt starten.
Dann träume ich davon, eine Ausstellung mit den Fotografien aus meiner Doktorarbeit zu organisieren und meine publizierte Dissertation auf einer der transatlantischen ZEIT-Reisen nach New York vorstellen zu können.
Und dann gibt es zu Hause bei mir auch noch Aufnahmen von meinem Urgroßvater, der als Monteur für Druckmaschinen quer durch die Welt reiste und Städte wie Rio de Janeiro oder Athen autodidaktisch mit seiner Kamera festgehalten hat. Somit sind diese Fotografien auch wertvolle visuelle Zeugnisse der transnationalen Arbeitsmigration und Industriekultur der 1920er-Jahre.
Preisträgerin 2022: Interview mit Simone Nowicki
Simone Nowicki ist mit dem Claus-Dieter Krohn Preis für Exilforschung 2022 für ihren Beitrag „Verortung unmöglich? Ein Audiofeature über den Günter Peter Straschek Nachlass“ ausgezeichnet worden. Günter Peter Straschek war einer der ersten Chronisten des deutschen Kinos, der umfangreich zur Emigration von Filmschaffenden aus Nazi-Deutschland forschte. Doch seine Sammelwut ließ ihn schnell die für das Projekt wichtige Distanz zu seinem Forschungsthema verlieren.
Liebe Frau Nowicki, bevor wir Zu Ihrem Audiofeature über Günter Peter Straschek kommen, würden wir gerne etwas über Sie selbst erfahren. Was ist Ihr Hintergrund und was interessiert Sie an der Exilforschung?
Simone Nowicki: Ich habe Filmwissenschaften im Bachelor und im Master studiert. In meinem Beifach „Philosophie“ im Bachelor habe ich ein Seminar zu „Heimat und Identität“ besucht, was mein erster Berührungspunkt mit der Exilforschung war. Das Zitat von Karen Joisten „Wer nicht erzählt, kehrt nicht heim“ hat zudem eine wichtige Bedeutung für mich. Ich selbst habe einen jüdischen Hintergrund und auch einen Migrationshintergrund. Dies war der Auslöser persönlich zu reflektieren: Was haben eigentlich meine Großeltern erlebt? Denn auch sie zählen zu der Gruppe sogenannter infamer Persönlichkeiten, mit der sich Günter Peter Straschek beschäftigt hat.
Im weiteren Verlauf meines Studiums bin ich dann auf die Thematik des „Filmexils“ gekommen. Hier interessierten mich insbesondere Persönlichkeiten wie Tonmenschen, Beleuchter:innen, Drehbuchautor:innen, die vor dem NS-Regime fliehen mussten oder ermordet wurden. Mir stellte sich die Frage: Wer darf eigentlich erzählen in der Filmwissenschaft? Im Rahmen eines Forschungsprojekts über deutsche Filmemigration nach Hollywood habe ich mich dann noch mehr mit dem Thema auseinandergesetzt. Als Hilfswissenschaftlerin habe ich mich zudem intensiver mit den infamen Persönlichkeiten beschäftigt.
Wie sind Sie auf Günter Peter Straschek und seine Arbeit gestoßen?
Simone Nowicki: An der Universität in Mainz entwickelt sich langsam ein Forschungsschwerpunkt, der sich auf das Thema Filmexil konzentriert.
Auf die Arbeit von Günter Peter Straschek bin ich durch meine Tätigkeit als Hilfswissenschaftlerin gekommen. Ich habe seine Akten zwei Jahre lang gesichtet. Dadurch habe ich viel über seine Arbeit und seine Herangehensweise gelernt, die ich sehr spannend finde. Er ist irgendwann an den Punkt gekommen, dass er sagte: Migrationsgeschichte ist Familiengeschichte. Und auch wenn ich das auf den Film eingrenze, kann ich niemanden irgendwo rausschmeißen. Denn sonst werte ich selbst: Welche Geschichte ist wichtig und welche ist nicht wichtig?
Und diese Herangehensweise finde ich gerade als jüdische Person ganz besonders. Aber mit diesem Vorgehen und mit seinem Ego, das sagt ich möchte alles abdecken und ich kann das auch alles abdecken hat er sich verzettelt. Somit hat er das Scheitern in Kauf genommen.
Wie haben Sie von dem Claus-Dieter Krohn Preis Preis für Exilforschung erfahren?
Simone Nowicki: Meine Professorin Dr. Imme Klages hat die Ausschreibung an mich weitergeleitet. Dadurch, dass ich bei ihr Hilfswissenschaftlerin war, wusste sie um meinen Wunsch, ein Feature über Günter Peter Straschek zu produzieren und um meine Kenntnisse in der Soundarbeit. Somit hat das perfekt mit dem Claus-Dieter Krohn Preis zusammengepasst.
Was war Ihre Motivation sich bei dem Claus-Dieter Krohn Preis zu bewerben?
Simone Nowicki: Hier kommen bei mir wieder zwei Stränge zusammen. Ich komme aus dem Soundbereich und bin Geräuschemacherin und Sounddesignerin. Gleichzeitig bin ich Nachwuchswissenschaftlerin. Und dazu passt das Medium Audiofeature sehr gut, weil es die beiden Leidenschaften von mir verbindet. Wenn gute wissenschaftliche Texte gut rezitiert werden, kann man heraushören, dass wahnsinnig viel Fürsorge, Arbeit und Gedanken drinstecken. Damit kann man auf einer Audioebene Zuhörerinnen und Zuhörer auch fordern.
Die Idee von dem Feature über Günter Peter Straschek wollte ich sehr gerne umsetzen, weil ich die Tage des Exils bereits vorher kannte und da unbedingt mal mitmachen wollte. Meine Überlegung ist: Wie kann ich die wissenschaftlichen Ebenen zum Sprechen bringen? Wie kann man sich mit einer Thematik aus dem Elfenbeinturm an alle wenden? Wie kann man Berührungsängste nehmen? Ich denke, wenn man Texte richtig liest, dann versteht man die Herangehensweise besser und kann die Texte somit auch mehr Menschen zugänglich machen.
Was waren die größten Herausforderungen bei der Umsetzung Ihres Projektes für den Claus-Dieter Krohn Preis?
Simone Nowicki: Eine der größten Schwierigkeiten war die Tatsache, dass es sich bei den Daten um sensible Daten handelt. Ich habe also fiktionale Migrantinnen und Migranten als Rahmung benutzt und nur ein paar der Filmemigrantinnen und -emigranten, die publiziert sind. Da es sich hierbei um sensible Personendaten handelt, durfte ich nur auf publizierte Quellen zurückgreifen. Gleichzeitig reproduziert man damit Mechanismen, denn ich erzähle über Günter Peter Straschek, während die infamen Persönlichkeiten nur als Fiktionalisierung oder als kurze Stimmen auftauchen. An meinem Wunsch, die unbekannten Filmpersönlichkeiten sprechen zu lassen bin ich, wie Straschek, aufgrund der Einschränkungen gescheitert.
Zudem habe ich mich der Herausforderung gegenübergesehen, wie ich diese Wissenschaftstexte collagiere, sodass der Fluss bleibt und und welche Thematiken ich nutze, damit die Zuhörerschaft auch noch nach 40 Minuten dabeibleibt.
Gibt es bereits eine öffentliche Resonanz auf Ihren Beitrag?
Simone Nowicki: Das Audiofeature wurde über die Podcastanbieter bisher 700mal geklickt (Stand 10. Oktober 2022). Außerdem wird es in dem ersten Seminar zum Thema „Filmexil“ an Universität Mainz angehört.
Die für mich persönlich schönste Rezension war die meiner Großmutter. Wir haben uns gemeinsam das Audiofeature angehört und mittendrin haben wir immer mal wieder auf ihren Wunsch hin gestoppt. Und dann hat sie selbst angefangen zu erzählen. Es ist selbst ihre Zeit und auch ihre Geschichte und es war so schön zu erleben, dass sie beim Anhören auch ins Erzählen kommt und über ihre Erfahrungen spricht.
Planen Sie weitere Projekte dieser Art?
Simone Nowicki: Ich würde sehr gerne einen zweiten Teil vom Audiofeature machen, der die Herausforderungen und Grenzen des ersten Teils des Audiofeatures reflektiert und auch auf die genannte Reproduktion der Machtverhältnisse eingeht. Mein Wunsch wäre es, dass das Feature Anreize gibt, sich mit den infamen Persönlichkeiten, über die Straschek recherchiert hat, auseinanderzusetzen.
Darüber hinaus produziere ich für das Arolsen Archives, ein Zentrum für Dokumentation, Information und Forschung über die nationalsozialistische Verfolgung, NS-Zwangsarbeit sowie den Holocaust, ein Featuremodul über antisemitische Sprache. Gerade Sprache und Feature passen natürlich sehr gut zusammen und Sprache ist gerade bei Antisemitismus sehr mächtig. Das Ziel ist, das einem jüngeren Publikum näher zu bringen.
Momentan arbeite ich auch sehr viel für Museen. Zum Beispiel habe ich eine Soundinstallation in Berlin erstellt, die gerade läuft.
Vielen Dank für das Gespräch und Ihnen für die Zukunft alles Gute!

Copyright: Susanne Stark

Copyright: Maximilian Probst

Copyright: Leonhard Simon

Copyright: Silvi Andermann
Tage des Exils in Frankfurt am Main
Vom 20. August bis zum 6. September 2026 finden die Tage des Exils Frankfurt statt – eine Kooperation des Deutschen […]